Bewerten beim Üben – Warum Üben oft so anstrengend ist
- Maximilian Bellen

- 5. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Jede Person, die ein Instrument lernt, kennt folgende Situation: Man übt – und es passiert ein Fehler. Häufig beginnen viele sofort zu fluchen, Selbstgespräche zu führen oder sich auf irgendeine Weise selbst zu sabotieren. Dabei verlieren sie all jene Dinge aus den Augen, die akzeptabel oder sogar gut verlaufen sind. In vielen Fällen überwiegen diese positiven Aspekte zahlenmäßig deutlich.
Die Folgen eines solchen Umgangs mit dem eigenen Spiel zeigen sich oft erst über einen längeren Zeitraum. Nicht selten entstehen daraus Selbstzweifel und Frust, die in manchen Fällen sogar dazu führen, dass das Instrument aufgegeben wird.
Um dieses Problem lösen zu können, muss zunächst verstanden werden, wo es entsteht. Nach meiner Erfahrung liegt die Ursache häufig in der Bewertung des eigenen Spiels. Diese wird wiederum stark durch die Werte und Erwartungen unserer Gesellschaft beeinflusst. Es erscheint vielen beinahe unvorstellbar, zunächst die Aspekte zu benennen, die einem selbst gefallen haben oder sich verbessert haben. Stattdessen stürzen wir uns – ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen – auf die eine Sache, die gerade nicht zu unserer Zufriedenheit verlaufen ist. Die positiven Seiten unseres Spiels bleiben dabei stiefmütterlich unbeachtet.
Da der Mensch bekanntermaßen ein Gewohnheitstier ist, prägen wir uns dieses Bewertungsmuster mit nahezu perfekter Konsequenz ein.
Stellen wir uns nun kurz eine Tätigkeit vor, bei der wir scheinbar nichts richtig machen können. Zum Beispiel eine vom Chef delegierte Aufgabe, bei der von vornherein feststeht, dass man sie ohnehin nicht zu seiner Zufriedenheit erledigen kann. Die Folgen eines solchen Umgangs sollten den meisten Menschen klar sein.
Warum also sollten wir so mit uns selbst umgehen? Wäre es nicht sinnvoller, dieses Muster ein wenig zu verändern, sodass die Freude an der Musik wieder Raum bekommt und in den Vordergrund treten kann? Und wenn ja – wie lässt sich das umsetzen?
In meinem Unterricht stelle ich deshalb zunächst immer die Aufgabe, mir mindestens drei Dinge zu nennen, die sich verbessert haben oder gut gelungen sind. Ziel ist es, bewusst zu trainieren, zuerst das Positive wahrzunehmen und sich erst danach den Punkten zu widmen, die weiterentwickelt werden sollen.
Langfristig führt dieser Perspektivwechsel zu einer Stärkung des Selbstwerts, was wiederum für mehr Sicherheit in Stresssituationen sorgt. Gleichzeitig verbessert sich die Lernatmosphäre durch den Abbau von Druck und Stress – ein Faktor, der den Lernfortschritt deutlich beschleunigen kann.
Mit diesem Artikel möchte ich zu einem kleinen Selbstexperiment mit diesem Ansatz ermutigen. Ich bin überzeugt, dass jeder dadurch in der Lage ist, die Freude am Instrument zu bewahren und das eigene Potenzial bestmöglich auszuschöpfen.
